19.06.2018 15:09

Lufthansa-Aktie – Kranich aus der Asche?

Artikel von Cornelia Eidloth für DER ANLEGER Juli 2018

Aktie im Sinkflug/Höhenflug/Aufwind/freien Fall, hebt ab/stürzt ab/fliegt davon. Alle diese zugeben ziemlich abgenutzten Flugzeug-Aktien-Metaphern haben in den letzen Monaten auf das Papier der Deutschen Lufthansa ziemlich gut zugetroffen. Nach dem sensationellen Jahr 2017 ist die Kranich-Airline im ersten Halbjahr 2018 ordentlich in – Achtung! – Turbulenzen geraten. Eine Bestandsaufnahme. 


150 Prozent hat die Aktie der Deutschen Lufthansa im letzten Jahr zugelegt und war damit der mit Abstand stärkste Titel im DAX. Der Aufwärtstrend wie mit dem Lineal gezogen, ebenso die Entwicklung der wichtigsten Bilanzposten. Der Nettogewinn schnellte um über 33 Prozent in die Höhe auf 2,4 Milliarden Euro, das operative Ergebnis verbesserte sich um 45,5 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro – ein Rekordergebnis – und der Konzernumsatz kletterte um über 12 Prozent auf 35,6 Milliarden Euro. Vor allem die Tochter Eurowings, eines der bislang größten Sorgenkinder, erfreute die Anleger. Mit einem EBIT von 94 Millionen Euro schaffte es die Billig-Airline ein Jahr früher als erwartet schwarze Zahlen zu schreiben. Ebenso hat sich auch die Frachttochter Lufthansa Cargo aus den roten Zahlen gekämpft und ein EBIT von 242 Millionen Euro erwirtschaftet. Es gab keine nennenswerten Streiks, die Einigung mit den Piloten garantiert Streikfreiheit bis 2022 und die Neuregelung der Piloten-Altersvorsorge spülte 582 Millionen Euro extra in die Kasse. Und dann war da noch die Pleite der Rivalin Air Berlin, die der Lufthansa eine Sonderkonjunktur bescherte. Kurzum: Ein Jahr, an das man sich bei der Lufthansa noch lange gerne erinnern wird. 


Holprige Landung

Höchstwahrscheinlich schon jetzt, Mitte 2018. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat sich zwar schon bei Präsentation der Jahresbilanz eher zurückhaltend bezüglich der weiteren Aussichten geäußert, die Zahlen des ersten Quartals sorgten unlängst jedoch für einen regelrechten Kurssturz an der Börse. Das lag nicht unbedingt am saisonbedingten Minus von 57 Millionen Euro und dem leicht gesunkenen Umsatz, sondern vielmehr an der teuren Air Berlin-Integration. Die Pleite des Konkurrenten hat der Lufthansa zwar anfangs in die Karten gespielt und im letzten Quartal 2017 eine Sondernachfrage beschert, nun aber gestaltet sich die Integration von Air Berlin-Teilen in die Billigtochter Eurowings kostenintensiver als gedacht. Zudem hat sich die Branche mittlerweile konsolidiert, die (Flug)Karten in Europa sind neu gemischt. Easyjet ist jetzt der größte Anbieter in Berlin. Die Briten fliegen auch innerdeutsche Strecken zu deutlich niedrigen Preisen als die Lufthansa und ihr Billiganbieter Eurowings. Stichwort niedrige Preise: Auch hier jat sich die Lufthansa zuletzt nicht mit Ruhm bekleckert. Nach dem Ende von Air Berlin hatte die Kranich-Airline ihre kurzfristige Monopol-Stellung ausgenutzt und die Preise durchschnittlich um bis zu dreißig Prozent angehoben, in Einzelfällen sogar mehr als fünfzig Prozent. Die deutschen Kartellhüter lehnten einen Missbrauchsverfahren dennoch ab, da der Einsteig von Easy-Jet in den Markt die ohnehin außergewöhnliche Situation schnell wieder entschärfte.

Europas größter Billigflieger Ryan-Air baut seine Position über seine Beteiligung an Laudamotion und deren vergrößerten Flugplan zudem weiter aus. Ryanair ist bereits zu 24,9 Prozent an Niki Laudas aus der Insolvenz der Air Berlin-Tochter Niki hervorgegangenen Airline beteiligt, würde sie sich aber gerne komplett einverleiben. Mitte Juli werden die EU-Wettbewerbshüter darüber entscheiden. Eurowings hatte ebenfalls um die österreichische Konkurrenz gebuhlt. Aber Herbst dürfte sich die Situation am europäischen Himmel nochmals verändern. In Istanbul wird dann der voraussichtlich größte Flughafen Europas eröffnet und mit zusätzlichen Flügen von Turkish Airlines ausgelastet werden, auf Strecken, die auch die Lufthansa bedient. 

Zusätzliche Flüge dürften für die Lufthansa kurz- bis mittelfristig ohnehin schwer umzusetzen sein. Der geplante Flugausbau stockt, der Vorstand hat die Pläne ein weiteres Mal zusammengestrichen. Ursprünglich wollte die Lufthanse ihr Angebot um zwölf Prozent ausweiten, im März waren es nur noch 9,5 Prozent, mittlerweile nur mehr 8,5 Prozent. Der Grund liegt in der Zuliefererkette: Der Triebwerksbauer Pratt&Whitney hat Produktionsprobleme, die wiederum Airbus in Lieferschwierigkeiten bringen und der Lufthansa schließlich den geplanten Ausbau des Flugangebots deutlich erschweren. Von den zwölf georderten Mittelstreckenjets der A320neo-Reihe erhält die Lufthansa in diesem Jahr nur sechs, allerdings mit Entschädigung. 


Teurer Treibstoff

Immerhin kann sich die Lufthansa damit trösten somit nicht noch mehr Flugzeuge betanken zu müssen. Denn vor einer Herausforderung stehen in diesem Jahr alle Fluggesellschaften gleichermaßen: Der rapide gestiegene Ölpreis. Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis des Grundrohstoffs für den Flugzeug-Kraftstoff Kerosin zeitweise mehr als verdoppelt. Kerosin ist einer der größten Kostenfaktoren für Fluggesellschaften. Die Lufthansa geht im laufenden Jahr von Mehrbelastungen in Höhe von 600 Millionen Euro aus, Analysten erwarten sogar bis zu 800 Millionen auch Extra-Kosten. Carsten Spohr sieht seine Airline dennoch auf Kurs für das laufende Jahr und eine Vielzahl von Analysten teilt diese Ansicht. So sieht sich das Unternehmen im Stande den Rekordgewinn des Vorjahres auch in diesem Jahr zumindest „fast“ wiederholen zu können. Auch mit Blick auf die Ticketpreise zeigt sich die Lufthansa optimistisch, sie sollen zumindest stabil bleiben. Auch wenn die Lufthansa, wie bereits erwähnt, nach dem Ende von Air Berlin nochmal ordentlich nachgefasst hat, sind die Preise auf Europastrecken insgesamt um knapp drei Prozent zurückgegangen. 


Ab in den Urlaub!

Das Gros der Analysten äußert sich indes positiv für die Aktie der Deutschen Lufthansa. Elf Analyse-Häuser raten zum Kauf des Papier, fünf sprechen eine Halteempfehlung aus und gerade einmal vier sehen in der Aktie einen Verkaufskandidaten. Das vermeintlich überraschend schwache erste Quartal sei demnach streng genommen keine Überraschung gewesen. In den Wintermonaten schreiben Fluggesellschaften in der Regel eher selten überzeugende Zahlen und zudem sei die kostenintensive Integration der Air Berlin-Teile nur ein Einmaleffekt. Sicherlich wird man auch im zweiten Quartal noch etwas daran zu knabbern haben, aber zur Jahreshälfte sollte der Kostenblock dann weitestgehend abgearbeitet sein. Auch für den steigenden Ölpreis sehen Analysten die Lufthansa als kapitalstarkes Unternehmen gut gewappnet, anders als Fluglinien, die finanziell schwächer auf der Brust sind. Diese könnten im selben Atemzug zudem zu interessanten Übernahmekandidaten für den Kranich werden. Die schwache Jahresperformance der Aktie sei im Spiegel der überproportionalen Vorjahresentwicklung außerdem eine interessante Einstiegsgelegenheit. Die Gewinnmitnahmen nach dem Allzeit-Hoch haben zu einer Unterbewertung der Aktie geführt, das KGV beträgt nur mehr fünf. Außerdem steht die Hochsaison ins Haus. So leiser im Winter, desto lauter klingeln die Kassen der Fluggesellschaften im Sommer. Die Chancen stehen also gut, dass die Lufthansa in der zweiten Jahreshälfte – Achtung! – wie Phönix aus der Asche steigt.

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