22.03.2018 11:15

Hallo, mein Name ist Conny und ich bin süchtig.

Kolumne von Cornelia Eidloth für DER ANLEGER April 2018

Ich rühme mich ja gerne damit, keinen Fernseher zu besitzen. Das wirkt zwar herrlich elitär, heißt aber nicht, dass meine Abende von tiefschürfenden Gesprächen über den Sinn des Lebens, russischen Romanen oder anspruchsvollen Gesellschaftsspielen geprägt sind. Wobei, indirekt vielleicht. Denn in der ein oder anderen Netflix-Serie geht es tatsächlich um nichts geringeres als den Zustand und die Zukunft unserer Gesellschaft, Anna Karenina kann man auch als Film streamen und außerdem schaue ich ja auch gerne in Gesellschaft. Und was ich nicht alles schaue! Würde man das in profanen Free-TV-Stunden wiedergeben, könnte man mich schnell in die Schublade „prekäre Couch-Potato“ stecken. Bingewatching bezeichnet laut Definition das komplette Konsumieren einer Serien-Staffel innerhalb einer Woche. Pah! Gibt mir einen freien Nachmittag oder den Influenza-Virus und ich regel das in 24 Stunden. Jahreszeiten entsprechen für mich mittlerweile tatsächlich den „seasons“ einer Serie. Im Sommer gibt es „Orange is the New Black“, im Herbst „Stranger Things“ und der Winter ist die beste Zeit für „The Crown.“ Unvorstellbar, dass ich vor zwanzig Jahren bereitwillig eine unglaubliche Woche lang auf eine neue Folge von „Akte X“ gewartet habe. Wie soll man denn so einer Story folgen und sich mit den Charakteren identifizieren können?

Ach ja, ich hab nicht nur ein offensichtliches Suchtproblem, ich bin auch noch illoyal. Habe ich bei Netflix schon alles gesehen, klick mich auch ohne mit der Wimper zu zucken bei Amazon Prime Video durch. Das stört mich auch finanziell gar nicht, denn ich bin nicht nur maßlos und flatterhaft, sondern auch ein sogenannter „Netflix-Parasit.“ Das zwei Euro teurere Parasiten-Abo spendiert mein Bruder.

Aber dieser exzessive Medienkonsum hat neben potentiellem Vitamin-D-Mangel natürlich auch Schattenseiten. Sich sein eigenes Fernseh-Programm zusammenstellen, kann ganz schön anstrengend sein. Nicht selten dauert es eine Stunde, bis ich mich für was Neues, bingewatchingwürdiges entschieden habe. Und wehe ich stelle in Folge drei fest, dass das Skript tatsächlich nicht besser wird. Als Netflix-Kunde ist man ja mittlerweile sehr qualitätsverwöhnt.

Das könnte jetzt alles ein fragwürdiges Licht auf mich werfen. Extremes Suchtverhalten ist einfach immer ein bisschen erbärmlich.

Aber hab ich schon erwähnt, dass ich keinen Fernseher besitze?

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