11.12.2017 10:30

Es ist angerichtet! Starke Nährwerte fürs Portfolio

Artikel von Cornelia Eidloth für DER ANLEGER Januar 2018


Am Lebensmittel-Giganten Nestlé kommt man nur schwer vorbei. Das Schweizer Unternehmen versorgt seit 150 Jahren Zwei- und Vierbeiner auf der ganzen Welt. Nicht immer unumstritten, aber stets erfolgreich. Zumindest mehr oder weniger. Die jüngste Wachstumsdelle will der neue CEO bald ausgebeult haben.

Zum Frühstück eine Schüssel Cheerios, dazu eine Tasse Nescafé oder Caro-Kaffee, falls man die koffeinfreie Variante bevorzugt, Spaghetti von Buitoni mit einer Soße von Maggi fix zum Lunch, gefolgt von einem Nespresso, zwischendrin ein KitKat als Snack und schließlich den Tag ausklingen lassen mit einer Wagner-Pizza und einem großen Glas S.Pellegrino. Wenn man möchte, kann man seinen täglichen Kalorienbedarf komplett mit Produkten von Nestlé abdecken. Der Nährstoffgehalt ist zwar etwas fragwürdig, aber satt wäre man in jedem Fall.

Selbst wenn man sich sehr ausgewogen und gesund ernähren will, am Produktportfolio von Nestlé kommt man nur schwer vorbei. Neben Knabberkram und Kaffee gibt es von Nestlé Babynahrung und -pflege, Tiernahrung, diverse Tafelwasser, Wurst und Senf. Außerdem ist Nestlé mit über 23 Prozent am französischen Kosmetik-Giganten L’Oréal beteiligt, wobei diese Beteiligung nach dem Tod der L’Oréal-Milliardenerbin Liliane Bettencourt möglichweise vor dem Verkauf steht.Die Omnipräsenz von Nestlé lässt sich mit eindrucksvollen Zahlen untermauern. Nestlé ist der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt, das größte Industrieunternehmen der Schweiz und auf Platz 34 der Forbes-Global-2000-Liste, die die größten börsennotierten Unternehmen der Welt aufzählt. Im Jahr 2016 hat Nestlé einen Umsatz von 89,5 Milliarden US-Dollar und einen Gewinn von 8,5 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Der Schweizer Gigant betreibt 447 Produktionsstätten, ist in 189 Ländern aktiv und beschäftigt rund 335.000 Mitarbeiter. Seit Anfang des Jahres steht Ulf Mark Schneider an der Spitze von Nestlé, vorher Finanzvorstand bei Fresenius und der erste „externe“ Chef seit knapp hundert Jahren.


150 Jahre Brutpflege

Die Wurzeln des Konsumgüter-Giganten liegen in einer nahezu rührenden Geschichte begründet. Der Apotheker Heinrich Nestlé, geboren 1814, wurde durch seinen Schwiegervater, ein Frankfurter Armenarzt, Mitte des 19. Jahrhunderts für die hohe Kindersterblichkeit der damaligen Zeit sensibilisiert. Konnte eine Mutter ihr Kind nicht stillen, kam dies zu jener Zeit einem Todesurteil für den Säugling gleich. Justus Liebig hatte bereits auf dem Gebiet der alternativen Babynahrung geforscht, leider mit wenig Erfolg. 1867 modifizierte Nestlé die Ausgangsrezeptur von Liebig und verhalf damit erstmals frühgeborenen Kindern, die keine Muttermilch trinken konnten, zum Überleben – eine Sensation und eine Revolution. Nestlés Kindermehl machte Heinrich Nestlé kurze Zeit später zu einem reichen Mann. Allein bis zum Jahr 1874 verkaufte Nestlé 1,6 Millionen seiner Kindermehl-Dosen in 18 verschiedene Länder. Wieder ein Jahr später war das Geschäft bereits so groß, dass der 61-jährige Nestlé entschied, sich komplett davon zu trennen. Für eine Million Schweizer Franken und eine Pferdekutsche verkaufte er seine Firma samt Logo und Unterschrift. Das kleine Nest, schwäbisch „Nestle“, ist bis heute das Markenzeichen des Lebensmittel-Riesen. Darin zu sehen ist eine Vogelmutter, die ihren zwei Vogelkindern Futter bringt.


What else?

Nestlé sieht sich selbst gern in der Rolle der fürsorglichen und nährenden Vogelmama, doch die Liste der Vorwürfe und Kritik gegen die Schweizer ist mittlerweile fast so lang wie das Markenportfolio. Sie reichen von illegalen Preisabsprachen über Regenwaldzerstörung, Unterstützung von Kinder- und Zwangsarbeit bis hin zu Betrug. Stets wiederkehrende Vorwürfe richten sich auf Gentechnik, Tierversuche und fragwürdige Lebensmittelsicherheit. Sie kratzen regelmäßig am Image von Nestlé, aber mehr auch nicht, wie die Geschäftszahlen belegen. Auch wenn der Umsatz in den ersten neun Monaten des Jahres 2017 um 0,4 Prozent zurückgegangen ist, so liegt er immer noch bei gigantischen 56,4 Milliarden Euro (65,3 Milliarden Schweizer Franken). Dennoch: So ganz mühelos bringt Nestlé seine Produkte auch nicht mehr an Mann, Frau, Baby und Hund. Die Wachstumsraten sind Kritikern und auch Aktionären mittlerweile zu mager. Das organische Wachstum konnte in den ersten drei Quartalen des Jahres zwar um 2,6 Prozent zulegen, was vornehmlich aber auf Preiserhöhungen zurückzuführen ist. Ohne Werbe-Gallionsfigur George Clooney hätte es vielleicht sogar noch unschöner ausgesehen. Denn während viele Sparten gar nicht wuchsen, das Wassergeschäft sogar schrumpfte, konnte das Geschäft mit den Nespresso-Kaffeekapseln weiter zulegen. Umweltschützer schlagen zwar die Hände über dem Kopf zusammen angesichts der enormen Plastikflut, George aber lächelt die Bedenken der Konsumenten mühelos hinfort.

Dennoch besteht Handlungsbedarf, denn so wie eingangs beschrieben sieht zeitgemäße Ernährung heute nicht mehr aus. Ein steigendes Gesundheitsbewusstsein und der Wunsch nach frischen und nachhaltigen Lebensmitteln haben Fertigprodukte und überzuckerte Riegel mehr und mehr zu Ladenhütern gemacht. CEO Schneider will dem Umbruch in der Nahrungsmittelbranche mit einem neuen, radikaleren Kurs begegnen. Underperformer will Schneider laut eigenen Angaben „aggressiv auf Kurs bringen“ oder sich im Zweifelsfall davon trennen. Das 900 Millionen Franken schwere US-Süßwarengeschäft hat Nestlé bereits ganz oben auf die Verkaufsliste gestellt. Die größten Chancen sieht Schneider bei Kaffee, Tierfutter, Babynahrung und Wasser. Jüngste Gerüchte, Nestlé werde vornehmlich auf das Health-Care-Business setzen, entkräftet Schneider. Zwar soll die Angebotspalette erweitert werden, dennoch solle die Sparte, die nur fünf Prozent des Umsatzes beiträgt, nicht überhöht werden. Große Chancen sieht Schneider indes im Onlinehandel, der nach seinen Angaben bereits dreimal so schnell wächst wie der Gesamterlös. Mit der chinesischen E-Commerce-Plattform Alibaba ist Nestlé bereits eine Partnerschaft eingegangen und hat im Zuge dessen gleich einen Fuß in den verheißungsvollen chinesischen Markt gesetzt. 


Jeder Mensch muss essen … oder zumindest naschen

Die Aktionäre scheinen offensichtlich voll und ganz auf die Schaffenskraft von Schneider zu vertrauen. Seit seinem Amtsantritt hat das Papier über 17 Prozent zulegt, vor Kurzem ist die Aktie sogar auf ein neues Allzeithoch gestiegen. Hinzu kommt, dass die Nestlé-Aktie eine regelrechte Dividenden-Perle ist. Seit 1959 wurde die Ausschüttung nicht mehr gesenkt, seit 1996 steigt sie sogar jedes Jahr. Die Dividendenrendite ist mit 3,7 Prozent mehr als attraktiv, woran sich in den nächsten Jahren nicht viel ändern dürfte. Im Gegenteil: Selbst bei geringen Wachstumsraten wird sie sich bezogen auf den Einstandskurs voraussichtlich vervielfachen.

Selbst wenn die Menschen ihre Essgewohnheiten nachhaltig ändern sollten, die Produktpalette von Nestlé ist so breit gefächert, dass man sie getrost als zukunftssicher und krisenfest bezeichnen kann. Und Platz für ein KitKat ist immer.

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